Geistliche Worte von Domherr André Schmeier, dem Seelsorger der deutschen Minderheit in Ermland und Masuren, zum diesjährigen Tag der Heimat des BdV am 5. August 2025 in Stuttgart:
Sehr geehrte Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Kranzniederlegung am Vertriebenendenkmal,
liebe Brüder und Schwestern in Christus!
Anlässlich des 75. Jahrestages der Unterzeichnung der Charta der Deutschen Heimatvertriebenen, ist es für mich eine große Ehre das Geistliche Wort sprechen zu dürfen. Als Priester der Erzdiözese Ermland, der zum Teil seine Wurzeln im ehemaligen deutschen Osten hat, eben im ostpreußischen Ermland, wohin ich vor fast 30 Jahren gegangen bin und wo ich seit über 28 Jahren die deutschsprachige katholische Seelsorge leiten darf. Dazu gehören die in der angestammten Heimat verbliebene deutsche Volksgruppe, aber auch zahlreiche Heimatvertriebene und deren Nachfahren, die die alte Heimat und unsere Gottesdienste besuchen. Für diese Aufgabe, die Menschen, Institutionen und dadurch auch Nationen miteinander verbindet, bin ich dankbar.
Am 27. Mai des Jahres 1937 erfolgte in der ermländischen Kreisstadt Heilsberg der Sturm auf die in der Fronleichnamsprozession mitgeführten Fahnen durch Mitglieder der Sturmabteilung SA. Infolge dieses Ereignisses wurden die vier Geistlichen und eine Reihe von Laien, darunter mein Großvater und sein älterer Bruder Bruno, verhaftet und in Königsberg inhaftiert. Die Verteidigung dieser allein wegen ihrer Glaubenstreue Angeklagten übernahm der Rechtsanwalt Linus Kather. Seine Unterschrift als die eines Ermländers und ersten Vorsitzenden des damaligen Zentralverbandes der vertriebenen Deutschen als erste unter der Charta der deutschen Heimatvertriebenen zu sehen, war für mich persönlich eine große Freude.
In diesem Geistlichen Wort möchte ich besonders auch an den ersten Vertriebenenbischof Maximilian Kaller, Bischof von Ermland erinnern, den Papst Pius XII. am 24. Juni 1946 zum Päpstlichen Sonderbeauftragten für alle deutschen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen ernannte und für den im Jahre 2003 das Seligsprechungsverfahren eröffnet wurde.
Eine Predigt vor Heimatvertriebenen in Leipzig, Zeitz und Bitterfeld begann Bischof Kaller mit den Worten:
„Meine lieben Ermländer, meine lieben Evakuierten aus Schlesien, aus der Grenzmark und aus dem Sudetenland! Jeder Ermländer, aber ebenso jeder Andere von Euch liebt seine Heimat. Ja, so ist es! Schon zu Hause liebten wir unsere Heimat, jetzt in der Fremde noch mehr.“
Diese von Bischof Kaller beschriebene Liebe zur Heimat kennt ein jeder von uns, kennt ein jeder Mensch. Es ist die Liebe zu dem Ort, wo wir das Licht der Welt erblickten, wo wir die ersten Schritte taten hinein in ein Leben, das uns von Gott geschenkt wurde. Es ist die Erfahrung von Geborgenheit in einem Elternhaus, in dem wir eine unbeschwerte Kindheit und Jugend erleben durften. Ja, Heimat ist für uns Menschen das, was für die ersten Menschen das Paradies war.
Aber dieser paradiesische Heimatzustand muss nicht für immer anhalten. Heimat kann man verlieren:
- die ersten Menschen wurden aus ihrer Heimat, dem Paradies vertrieben, weil sie die Gebote Gottes missachtet und damit gegen Gott gesündigt hatten.
- Abraham hat seine Heimat verlassen, weil er von Gott eine andere, neue Heimat verheißen bekommen hat.
- Paulus schließlich möchte auf alles, auch auf die irdische Heimat, die keine bleibende Stätte bietet, verzichten, um lieber bei Christus im Reiche Gottes zu sein, wo er die wirkliche, ewige Heimat des Menschen sieht.
Diejenigen aber, die vor 75 Jahren die Charta der deutschen Heimatvertriebenen unterzeichneten, standen stellvertretend für die vielen Millionen, die ihre Heimat unschuldig und gewaltsam verloren haben. Und in solch einem Fall wiegt der Schmerz über den Verlust und die Sehnsucht nach dem Verlorenen umso mehr.
So spricht aus der ganzen Charta die ungebrochene Liebe der Vertriebenen zu ihrer angestammten Heimat.
Auf die hoffnungsvolle Frage, ob man in die Heimat zurückkehren könne, gab Bischof Kaller eine Antwort, die eine klare und realistische Einschätzung widerspiegelt:
„Unsere Heimat ist uns verloren, das ist eine harte Tatsache, aber sie ist unabänderlich. Wir werden, (aber) so tiefen Schmerz wir auch darüber empfinden, daran nicht zerbrechen, denn wir sind gewöhnt, alle Dinge mit Gott in Verbindung zu bringen. Wir haben – und das setze ich bei uns allen voraus – ein felsenfestes Gottvertrauen.“
Ein plötzlicher Verlust löst bei uns Menschen nicht nur ein Trauma und den Schmerz darüber aus, sondern weckt den ganz eindringlichen Wunsch und Willen, das Verlorene zurückzugewinnen. So geht es uns bei materiellen Dingen, aber ebenso in persönlichen Beziehungen, wenn plötzlich ein Lebenspartner, ein Kind oder eine uns nahestehende Person sich von uns abwendet. Und wie sollte dieses nicht auch für den gewaltsamen Verlust der Heimat und damit der ganzen bisherigen Lebenssituation gelten?
Von daher ist die Frage nach und das Hoffen auf eine Rückkehr in die Heimat und damit verbunden nach der Weiterführung des bisherigen und bekannten Lebens nicht nur verständlich, sondern auch berechtigt. Freilich ließen die damaligen politischen Umstände dieses nicht zu, wie Bischof Kaller es unmissverständlich darlegt. Denn er hat es im August 1945 nach einer mühevollen Rückkehr ins Ermland und dem erneuten erzwungenen Verlassen der Heimat nach nur zweiwöchigem Aufenthalt am eigenen Leibe erfahren müssen.
Für einen Verlust kann man sich rächen und man kann versuchen, das Verlorene mit Gewalt wiederzuerlangen. Doch kann man dieses tun, wenn man im Bewusstsein einer Verantwortung vor Gott lebt, wie es die Charta zu Beginn formuliert?
So spricht aus der ganzen Charta der ungebrochene Glaube der Heimatvertriebenen an den Gott der Liebe und des Friedens.
Als logische Folgerung aus der Erkenntnis, dass eine Rückkehr in die Heimat nicht möglich ist, führt Bischof Kaller weiter aus:
„Wir haben unsere Heimat verloren, aber ohne Heimat kann der Mensch nicht leben. Wir wurden aus unserer Heimat herausgerissen. Nun gilt es, neue Heimat zu suchen, neue Heimat zu bilden. … Wir müssen neu anfangen, wie unsere Vorfahren, die ungefähr vor 700 Jahren aus deutschen Landen nach dem Osten kamen … klein, bescheiden, zäh, fleißig, unverdrossen, sparsam, einmütig, hilfsbereit, dankbar, höflich, aufmerksam allen gegenüber, die uns als Brüder und Schwestern aufnahmen. Neu anfangen wollen wir. Wir fangen an mit Gott.“
Ein erzwungener Neuanfang kann als Notwendigkeit gesehen werden. Wenn man aber mit Gott neu anfängt, kann er als Chance begriffen werden, die einem geschenkt wird. Und diese Chance haben die Heimatvertriebenen genutzt, um nicht nur ihr eigenes Leben wieder auf eine sichere Grundlage zu stellen, sondern auch das in Trümmern liegende Vaterland zum Wohle der gesamten Bevölkerung wiederaufzurichten. Sie haben aus dem Glauben heraus aktiv das politische und gesellschaftliche Leben der neuen Heimat mitgestaltet. Der Glaube hat ihnen auch dabei geholfen, mit den Menschen ihrer jetzigen Kirchengemeinden eine neue Gemeinschaft zu bilden.
So spricht aus der ganzen Charta die ungebrochene Hoffnung der Heimatvertriebenen auf einen neuen Anfang und eine bessere Zukunft.
Vor 80 Jahren, gerade einen Monat nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs benutzt Bischof Kaller in seiner Predigt vom 10. Juni 1945 ein eindrucksvolles Bild um eine Frage zu stellen, die für die Menschen damals und auch für uns heute aktuell ist.
„Wir haben manche traurigen Bilder der Zerstörung gesehen und sehen sie noch täglich. Aber vielleicht gibt es kein traurigeres Bild als eine eingestürzte Brücke… Die gesprengte Brücke ist ein Sinnbild und ein Gleichnis für die abgebrochene und zerstörte Verbindung zwischen den Menschen und den Völkern. Aber wo sind die Menschen, die die Brücken wieder bauen können?… Wo sind solche Brückenbauer zu finden?“
Liebe Brüder und Schwestern, wie viele Brücken wären heute zu bauen? Wo sind die Brückenbauer von heute zu finden? Könnte nicht gerade den Heimatvertriebenen diese Funktion und Aufgabe in besonderer Weise zufallen und am Herzen liegen? Wegen ihrer spezifischen Erfahrung des gewaltsamen Heimatverlustes und des bewussten Verzichtes auf Rache und Vergeltung aufgrund ihres christlichen Glaubens waren und sind die Heimatvertriebenen und ihre Nachkommen prädestiniert, Brückenbauer zwischen Menschen und Nationen zu sein.
Möge diese nicht leichte Aufgabe mit dem Segen des dreieinigen Gottes und unter dem besonderen Schutz der Gottesmutter Maria gelingen und reiche Früchte bringen. Amen.