Bald ist Weihnachten. In der Vorweihnachtszeit senden wir uns gegenseitig – seit langem eher nur noch digital – Glückwünsche. Was wünschen wir uns am häufigsten? Friedliche, fröhliche und, wie viele hinzufügen, gesegnete Feiertage. Sehr oft werden diese Wünsche mit dem Zusatz „im Kreise der Familie“ ergänzt.
Normalerweise verbrachten wir Heiligabend nur im Kreis der Eltern und Kinder, aber bereits die folgenden Weihnachtstage waren voller gegenseitiger Besuche, bei denen die Großeltern die wichtigste Rolle spielten. Auch dieses Jahr wird es in den meisten Häusern ähnlich sein. Und es wird eine Gelegenheit für eher nicht alltägliche Gespräche mit ihnen sein. Hören wir ihnen zu, fragen wir sie, nehmen wir ihre Geschichten auf und schreiben wir sie nieder. Ermutigen wir die Jüngsten, ebenfalls zuzuhören und sich zu merken. Eines Tages werden sie nach diesen Geschichten suchen oder bedauern, dass sie zu wenig gefragt haben.
Unter uns leben noch die Letzten einer Generation, die die Hölle der Flucht, den Einzug der Sowjets, später der polnischen Sicherheitsdienste und Verwaltung, die Deportation ihrer Angehörigen, Tod, Hunger und Kälte miterlebt haben – eine Heimat, die fremd geworden war, in der die Muttersprache verboten war und die Angehörigen in Angst lebten. Die Bedeutung dieser Geschichten wurde mir kürzlich bewusst, als ich das Berliner Dokumentationszentrum „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ besuchte. Ich war schon mehrmals dort, aber dieses Mal hat mich die Sonderausstellung „Der Treck“, die noch bis zum 18. Januar zu sehen ist, dazu veranlasst. Als ich die Fotos von Wagenkolonnen mit Kindern, Frauen und Gepäckstücken auf verschneiten Straßen und von Menschen sah, die daneben hergingen, wurde mir klar, dass ich diese Bilder kenne, obwohl ich sie noch nie gesehen habe. Zwar gab es die Erzählungen meiner Mutter, aber kein einziges Foto aus diesen Monaten – von Januar bis Sommer 1945 –, die sie zusammen mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter auf dem Marsch neben Pferden verbrachte, auf der Suche nach einem Schlafplatz in Scheunen, Schulen und Kirchen von Blachow über Südschlesien bis nach Tschechien oder Sachsen.
In Berlin erfuhr ich, dass nicht nur der Mangel an Kameras der Grund für das Fehlen von Fotos war, sondern auch das Verbot, solche zu machen. Die Autoren der ausgestellten Fotos, Hans Tschira und Martha Maria Schmackeit, waren professionelle Fotografen und hatten eine Genehmigung. So dokumentierten sie einen „Treck“ (Kolonne), der im Januar von Lübchen bei Guhrau (heute Lubów bei Góra) aufbrach und im April desselben Jahres die Gegend um Chemnitz erreichte. Im Alter von 67 Jahren konnte ich die Prägnanz der mütterlichen Erzählungen bewundern, da sie so gut zu diesen Fotos passen. Trotzdem war es gut, die mit Stroh ausgelegten Schulklassen zu sehen, anhand der Kleidung den strengen Frost zu „spüren“ und die Menschen zu sehen, die sich um diejenigen beugten und knieten, die vor Erschöpfung und Krankheit auf dem Weg starben. Dank ihnen wurde ich in Berlin für kurze Zeit zum zweiten Ausstellungsführer und ergänzte das Fachwissen einer Mitarbeiterin des Zentrums mit meinen Emotionen.
Die Geschichten unserer Großeltern und Eltern sind eine Verlängerung unserer Erfahrungen. Aus ihnen sind unsere Erziehung, unsere Emotionalität, unsere Art, Freude, Erfolge oder Misserfolge zu erleben, aber auch unsere Traumata entstanden, deren Ursachen wir ohne diese Geschichten früherer Generationen nicht verstehen würden. Ich wünsche allen, dass wir die Weihnachtszeit zum Zuhören nutzen, und ich fordere die Ältesten auf, nicht auf eine Einladung zu warten, sondern zu erzählen. Die Atmosphäre der Familiengemeinschaft, des Verständnisses, der Wertschätzung von Frieden und Ruhe wird dabei von selbst entstehen. Allen, die heute und zuvor meine Gedanken lesen, wünsche ich ein in Zuhören vertieftes, besinnliches und gesegnetes Weihnachtsfest.
Bernard Gaida